Die Reparaturbranche verfolgt mit großem Interesse den internationalen Trend zur Formierung von Werkstattketten, denn auch der heimische Markt ist von diesen Entwicklungen nicht ausgenommen. Robert Paintinger, Geschäftsführer des Bundesverbandes der Partnerwerkstätten e.V. (BVdP) und sein Stellvertreter, Projektmanager Marco Senger, sprachen in ihrem Vortrag darüber, wie sich die freien Werkstätten in diesem herausfordernden Umfeld behaupten können. Sehr anschaulich und auch ein wenig provokant präsentierten die Beiden einen aufgabengerecht inzwischen neu aufgestellten BVdP, der sich noch stärker für die Belange der Werkstätte einsetzen will.
Schadensteuerung in Diskussion
"Wir haben im Laufe der Veranstaltung viel über Schadensteuerung und kostenoptimierte Werkstattketten gehört. Es wurde dabei auch die Frage gestellt, warum Schadensteuerer einer Werkstatt 80 Euro zahlen müssen, wenn eine andere bereit ist, die Reparatur auch für 50 Euro durchzuführen. Hier ist meine Gegenfrage: `Hatten Sie bereits Ihre Dosis Begripal bekommen?’ – Die Auflösung gibt es am Ende des Referats", eröffnete Robert Paintinger den Vortrag mit einer Anspielung auf den Grippemittelskandal Ende Oktober, und stellte daraufhin kurz die Situation auf dem Reparaturmarkt dar.
Deutsches System ist (noch) das beste
"Der BVdP glaubt, dass ausländische Werkstattketten auch in den deutschen Markt drängen wollen. Auf den Betrieben lastet der Kostendruck, wichtige Investitionen werden aufgeschoben, die Wettbewerbsfähigkeit wird gefährdet und auch die Versicherer können in Deutschland keine Gewinne mehr erzielen. Werkstattketten erscheinen da einigen als eine mögliche Lösung. In Anbetracht der Lage in anderen europäischen Ländern sollte man diese Entwicklung vielleicht überdenken", erläuterte der Experte.
Schon beim letzten Schadensforum sei klar als Ergebnis festgehalten worden, dass die Werkstätten in Großbritannien und den Niederlanden wegen des knallharten Preiskampfes fast nichts mehr verdienen. In Großbritannien stehe der Markt mittelweile sogar unter Aufsicht der Competition Commission, einem britischen Pendant zum Kartellamt. Laut einer Untersuchung der Marktforschungsorganisation "Trend Tracker" würden die Reparaturkapazitäten bereits ab 2015 um zehn Prozent zu gering sein. Das Urteil von Paintinger: "Da ist unseres Erachtens das deutsche Modell besser, aber natürlich muss man an einigen Stellhebeln noch ansetzen."
Weiterentwickeltes Konzept des BVdP
Um in diesem Marktumfeld die Interessen der freien Werkstätten stärker vertreten zu können, hat der BVdP sein Konzept entsprechend überarbeitet. "Wir haben schnell gemerkt, dass wir eine Professionalisierung brauchen. Der BVdP steht mittlerweile auf drei Säulen", erklärte Paintinger. Die Hauptaufgabe des BVdP war von Anfang an die Interessensvertretung. Diese Arbeit werde wie gehabt fortgesetzt. Seit April 2012 analysiere Marco Senger zudem sehr stringent den gesamten Markt und leitet daraus gezielt Projekte ab, die der unmittelbaren Unterstützung der BVdP-Mitglieder dienen. Ab 2013 soll sich ein Netzwerkmanager um die weitere Stärkung der Mitgliedsbetriebe und des gesamten Netzwerkes kümmern. Die Zahl der hauptamtlichen Mitarbeiter wurde daher, gestützt durch entsprechendes Votum der BVdP-Mitgliedsbetriebe, aufgestockt.
Hierfür mussten natürlich erst finanzielle Voraussetzungen geschaffen werden. In der im März 2012 stattgefundenen Mitgliederversammlung wurden daher eine entsprechende Erhöhung der Mitgliedsbeiträge sowie die Neugründung einer Wirtschaftsgesellschaft einstimmig beschlossen. Paintinger betonte in diesem Zusammenhang: "Wir arbeiten nicht gewinnorientiert. Das heißt, dass alle Einnahmen direkt in Maßnahmen umgesetzt werden, von denen unsere BVdP-Betriebe unmittelbar auch profitieren."
Keine Wetten auf Preise
"Hauptziel der ersten Säule der Interessensvertretung ist es, Nachhaltigkeit, Verlässlichkeit und Fairness noch stärker in den Markt zu bringen", erklärte Paintinger und führte weiter aus: "Wir müssen zeigen, dass es nur in einem fairen und nachhaltigen Markt möglich ist, die Herausforderungen, die zum Beispiel die technologische Entwicklung und der demographische Wandel mit sich bringen, zukunftsfähig zu lösen."
Der BVdP möchte deshalb vor allem drei wichtige Botschaften an den Markt kommunizieren: "Zum einen müssen Schadensteuerer einsehen, dass auch sie letztendlich nicht gewinnen können, wenn sie den Markt mit unzureichenden Preisen unter Druck setzen. Kostensteigerungen der Betriebe müssen auch zu einem höheren Stundenverrechnungssatz führen. Zum anderen dürfen wir keine Wetten auf Preise zulassen, wie dies bei pauschaler Abrechnung nach durchschnittlichen Schadenkosten der Fall wäre. Und schließlich müssen auch die Betriebe erkennen, dass sie strikt auf Prozessoptimierung und effizientes Controlling setzen müssen, um ihre Leistungsfähigkeit zu steigern", fasste der Geschäftsführer zusammen.
Keine Tabus
Das Netzwerk der BVdP-Betriebe als weitere Säule soll sukzessive weiter gestärkert werden. Genau das werde die Aufgabe des Netzwerkmanagers im Verband sein. Dazu sollen auch regionale Strukturen aufgebaut, die Kommunikation und der Informationsfluss untereinander gestärkt und Mitglieder in ihrer Entwicklung gezielt gefördert werden.
Der BVdP will mit seinen Mitgliedern "keine Tabus aussparen", wenn es um die Lobbyarbeit als solcher geht. Wer Fairness fordere, müsse sich auch selbst fair verhalten. Willkürliche Konditionen, "kreative" Auftragsbearbeitung und Nichteinhalten von Vereinbarungen seien nicht akzeptabel. Betriebe, die sich stets einwandfrei verhalten, sollen am Markt erkennbar werden und dadurch einen Wettbewerbsvorteil erzielen. Hier denke man über einen freiwilligen Kodex nach.
Schnelle Umsetzung von Ideen
Über die Projektarbeit als dritte Säule des Verbandes sprach der speziell dafür zuständige Projektmanager Marco Senger. "Betriebliche Effizienz und schnelle Informationen sind aus unserer Sicht Kernpunkte. Deshalb ist die Aufgabe des BVdP, die Werkstätten in diesem Bereich zu fördern. In der Praxis bedeutet dies Marktbeobachtung, rechtzeitige Erkennung der Marktbedürfnisse und ihre Umsetzung in sinnvolle Projekte, von der die Betriebe nachhaltig profitieren können."
Ein bereits abgeschlossenes Projekt betreffe laut Senger den CarReport der Innovation Group (IG). Hierbei ging es um eine Klassifizierung der Werkstätten in A-, B- und C-Betriebe. Bei der ersten Erstellung des Reports sei die Bewertungsgrundlage für Werkstätten völlig unklar gewesen, weswegen viele Beschwerden beim BVdP eingingen. Der Bundesverband habe sich deshalb entsprechend eingeschaltet und zusammen mit der Innovation Group eine neue Informationsstrategie für das Regelwerk erarbeitet. "Seitdem ist keine Beschwerde mehr vorgekommen", zeigte sich der Projektmanager mit dem erzielten IG-Ergebnis zufrieden.
Ein weiteres BVdP-Projekt laufe aktuell gerade an: "In Best Practice Zirkeln kommen Betriebe aus ganz Deutschland für einen offenen Erfahrungsaustausch zusammen. Für das Pilotprojekt haben sich 64 Unternehmen angemeldet und wir erhalten laufend neue Anfragen." Weitere Vorhaben seien bereits angedacht, beispielsweise ein Projekt als Reaktion auf den Fachkräftemangel, die Erarbeitung wichtiger Kennzahlen für Partnerwerkstätten, oder auch die Einführung eines Helfernetzes.
Nachhaltige Entwicklung
Robert Paintinger fasste die Ergebnisse zusammen: "Wir wollen starke Betriebe und einen fairen Markt. Deshalb meine Eingangsfrage mit Begripal – das ist ein Wirkstoff, der zu spät kam und dann nicht funktionierte, weil die verantwortlichen Krankenkassen nur auf den Preis schauten. Zum Schaden der Versicherten. Qualität hat ihren Preis, doch letztlich profitieren alle davon. Dies ist die Antwort auf die eingangs gestellte Frage an die Schadensteuerer, warum sie lieber 80 statt 50 Euro zahlen sollten." (ll)