Dass durch die Straßen Deutschlands längst nicht mehr Milch und Honig fließen, haben die zahlreichen Neuankömmlinge aus dem Reich der Mitte schnell kapiert. Mal abgesehen von MG und BYD sind China-Modelle bei uns noch Exoten.
Auch die neue Stellantis-Tochter Leapmotor hätte sich den Markstart ihrer beiden E-Fahrzeuge - dem Mini T03 und dem Midsize-SUV C10 - sicher leichter vorgestellt. Zur allgemeinen Skepsis gegenüber den Autos aus China gesellt sich hierzulande eine Einstellung zu Stromern, die man nicht gerade euphorisch bezeichnen kann. Dem begegnet die junge Marke aus Hangzhou (gegründet 2015), an der sich Stellantis für 5,9 Milliarden Euro mit 21 Prozent beteiligt hat, nun mit einer eigenen Interpretation des Plug-In-Hybrids.
Leapmotor C10 REEV

Quasi als rezeptfreier Brustlöser gegen die weit verbreitete Reichweitenangst bekommt der C10 zum reinen E-Modell C10 BEV jetzt eine Variante mit Range-Extender zur Seite gestellt. Leapmotor bezeichnet dieses Modell, das bereits vor dem Stellantis-Deal entwickelt wurde, als Gamechanger. Kein Wunder, in China, wo das Stromtanken in den Mega-Citys zunehmend zum logistischen Problem wird, boomen Plug-Ins bereits seit einigen Jahren. Alleine 2023 stiegen die Verkäufe um 166 Prozent. 2024 wurden über 1,2 Millionen PHEVs verkauft.
Leapmotor C10 REEV: Vierzylinder speist Batterie
Die sogenannte REEV-Technik von Leapmotor, oder auch Range Extended EV genannt, funktioniert ein wenig anders als herkömmliche Plug-Ins. Ein 1,5 Liter-Vierzylinder Benzinmotor mit 65 kW/88 PS speist hier ausschließlich die Batterie, die im Vergleich zum Vollstromer eine Kapazität von 28,4 statt 69,9 kWh hat und 145 Kilometer ohne weitere externe Ladung durchalten soll. Das bedeutet im Alltag: Der C10 REEV fährt immer elektrisch, der E-Motor treibt dabei die Hinterräder an. Der Antrieb ist weitgehend mit dem rein elektrischen Bruder identisch.
Je nach Fahrprogramm und Batterieladung schaltet sich der vorne eingebaute Verbrenner chinesischer Herkunft zu. Aber nur, um den Akku wieder mit frischem Strom zu versorgen und nicht, um die Räder anzutreiben. Fahrgefühl und der damit verbundene Komfort entsprechen also weitgehend dem eines E-Autos. Das unterscheidet den seriellen REEV maßgeblich von einem konventionellen Plug-In-Hybrid. Eine ähnliche Technologie kennen wir zum Beispiel schon vom Nissan Qashqai e-Power.
Leapmotor C10 Test (2024)

Leapmotor C10 REEV: Fast 100 Kilometer Reichweite
Beim C10 REEV gibt es vier Energie-Programme. EV+: der Verbrenner schaltet sich erst zu, wenn die Batteriekapazität unter 9 Prozent liegt. EV: gleiches Szenario, Zuschaltung bei unter 25 Prozent. Fuel: Motor-Unterstützung, wenn die Akkuleistung unter 80 Prozent fällt. Power+: Der Verbrenner arbeitet immer mit und kann den Akku während der Fahrt bis zu 100 Prozent aufladen.
Die Batterie lässt sich natürlich auch mit dem Kabel füttern. Per AC-Wechselstrom an der Haussteckdose dauert eine Füllung von 30 –80 % fast eine Arbeitsschicht: 7:30 Stunden. An der 11/22 kW-Wallbox sind es 3:50 Stunden, per DC-Gleichstrom an der Schneeladesäule ist die Übung in 18 Minuten erledigt
Das Duo aus Verbrenner und Batterie soll eine maximale Reichweite von bis zu 970 Kilometer ohne Stopp ermöglichen, die CO2-Emissionen liegen im WLTP–Zyklus bei nur 10 Gramm pro Kilometer, was wiederum den Flottenverbrauch von Stellantis freut.
Leapmotor C10 REEV ähnelt Porsche Cayenne
Auf dem Papier sind C10 BEV (160 kW/218 PS) und C10 REEV (158 kW/215 PS) annähernd gleich stark. Da der Benziner nicht direkt mitarbeitet, wird seine Leistung nicht angerechnet. Die Optik, mit einem Heck, das frech den Porsche Cayenne kopiert, die Abmessungen sowie die üppigen Platzverhältnisse sind bei beiden Modellen gleich. Lediglich der Kofferraum schrumpft beim REEV C10 geringfügig um 35 Liter, da der 50 Liter-Tank ein wenig Stauraum abknabbert. Dafür ist die Doppel-Antrieb rund 30 Kilo leichter – aber immer noch fast zwei Tonnen schwer.
Vom E-Bruder übernimmt der REEV auch das überambitionierte Bediensystem, das den durchschnittlich begabten deutschen Autofahrer reiferen Alters allzu oft in böhmische Dörfer führt. Nahezu alle Funktionen – selbst so banale wie die Verstellung der Außenspiegel - sind ausschließlich über das zentrale Touchdisplay anwählbar und teilweise in komplizierten Untermenüs versteckt.
Leapmotor B10

Was der junge, spielkonsolenkonditionierte Chinese intuitiv kapiert, ist für uns Erben der Generation Golf unnötig harte Lernarbeit. Und da wir gerade in Meckerlaune sind: Mit dem ständigen Piepsen, Bimmeln, Klingeln, Zerren am Lenkrad und Bevormunden durch die Assistenzsysteme wird Leapmotor bei uns keinen Blumentopf gewinnen.
Leapmotor C10 REEV bietet niedrigen Verbrauch
Damit machen sich die Chinesen kaputt, was sie technisch locker draufhaben. Fahrwerk und Lenkung erreichen zwar nicht das geschliffene Niveau eines BMW oder Audis, enttäuschen aber auch nicht. Das gemischte Antriebs-Doppel hats wirklich drauf. Der Benziner läuft die meiste Zeit quasi als stationäres Kraftwerk im optimalen Drehzahlbereich irgendwo im Hintergrund mit, fällt höchstens mal beim spontanen Beschleunigen akustisch auf.
Da sich der Verbrenner aus allen direkten Antriebsangelegenheiten raushält, ist er ansonsten weder zu hören noch zu spüren. Am Ende unserer ersten Testrunde über rund 200 Kilometer zeigt der Bordcomputer einen Spritverbrauch von 6,5 Litern pro 100 Kilometer, der Energieverbrauch liegt bei ziemlich niedrigen 15 kWh und die Restreichweite bei erstaunlichen 750 Kilometern.
Leapmotor T03 (2024)

An der Kasse bevorzugt Leapmotor keines seiner Kinder. Beide kosten mit 36.900 Euro exakt gleich viel, oder besser gesagt, gleich wenig. Denn immerhin ist der 4,74 Meter lange C10 ein Auto im Format eines BMW X3. Zudem ist die Apanage mehr als großzügig. Vieles, was woanders extra kostet, ist beim C10 schon an Bord. Von der Soundanlage mit 12 Lautsprechern und 840 Watt über das gestochen scharfe 14,6-Zoll-Display, die 360 Grad-Kamera, die 18 Zoll-Aluräder, den beheizbaren und kühlenden elektrischen Sitzen, dem riesigen Panoramadach bis hin zur elektrischen Heckklappe und 17 Assistenten.
Fünf Sterne im aktuellen EuroNCAP-Crashtest unterstreichen zusätzlich die Ambitionen eines Newcomers, der einen entscheidenden Vorteil im Gepäck hat: Er kann rund um den Globus auf das riesige Vertriebsnetzt von Stellantis und seinen 14 Marken bauen. In Deutschland meldet Leapmotor aktuell schon 87 Standorte, Ende des Jahres sollen es 120 sein, Europaweit sind es bereits 540. “Unsere Marke gibt es beim Händler um die Ecke”, sagt Deutschland Geschäftsführer Martin Resch, “das ist ein Wert, der Vertrauen schafft.”